Karl (jeweils 2ter von links)

Karl Siegl – der Mann, der einfach immer da war
100 Jahre Karl Siegl – und kein bisschen vergessen
Manche Menschen hinterlassen Spuren. Andere hinterlassen eine Rangliste. Karl Siegl gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Würde er heute noch unter uns sein, hätten wir im Jahr 2025 seinen 100. Geburtstag feiern können. Geboren wurde Karl Siegl 1925 in Prag. Zum Tischtennis kam er laut seinem WTTV-Spielerpass am 1. September 1950 – damals noch beim TTV Paffrath, einem der Vorgängervereine des heutigen Tischtennisverein 1959 e.V. und dann ging es los.
Kein Trainingsabend ohne Karl
Wer Karl Siegl kannte, wusste: Wenn in der Halle das Licht anging, war die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass Karl schon da war. Kein Trainingsabend ohne ihn. Kein Meisterschaftsspiel ohne ihn. Training war für Karl offenbar weniger eine lästige Pflicht als vielmehr eine ziemlich angenehme Lebensform. Während andere vielleicht irgendwann dachten: „Für heute reicht’s“, dürfte Karl eher überlegt haben: „Was? Schon Feierabend?“
Die Nummer 1 der vierten Herren
Sein Trainingseifer war legendär und machte ihn über Jahrzehnte zu einem großen Vorbild im Verein. Und zwar nicht nur in der Theorie. Karl spielte tatsächlich – und das mit bemerkenswerter Konstanz. Noch bis in die Mitte der 1990er Jahre war er bei Vereins- und Stadtmeisterschaften ein erfolgreicher Teilnehmer. Schon in den 60er Jahren beeindruckte Karl den damals noch jungen Mitspieler Robby in der 1. Mannschaft, als er eines Sonntagmorgen aus dem Skiurlaub mit Skiern zum Meisterschaftsspiel aufkreuzt. Im Punktspielbetrieb war er zuletzt die Nr. 1 der 4. Herrenmannschaft. Nicht schlecht für jemanden, der damals schon deutlich länger Tischtennis spielte, als manche seiner Mannschaftskameraden überhaupt auf der Welt waren.
Karl war kein Mann großer Worte, wenn es um seinen Trainingseifer ging. Er ließ lieber die Anwesenheit sprechen. Er war sich nicht zu schade, aus eigenem Antrieb auch mit deutlich schwächeren Spielern zu trainieren, wenn sie Interesse daran hatten. Und so wurde er über die Jahre zu einer festen Größe im TTV59. Spielerpass, Mannschaftsfotos, Trikot, Schläger – vieles davon ist bis heute erhalten geblieben. Sie erzählen die Geschichte eines Vereinsmitglieds, für den Tischtennis weit mehr war als ein gelegentliches Hobby. Es war Verpflichtung, Leidenschaft, Geselligkeit und wahrscheinlich auch ein ziemlich guter Grund, abends noch einmal das Haus zu verlassen.
Ein plötzliches Ende
Im April 1997 kam es völlig überraschend zu seinem Tod. Karl Siegl befand sich gemeinsam mit einem Vereinskameraden auf der Skipiste, als sein Leben plötzlich endete. Für den TTV59 war das ein schwerer Verlust. Doch anstatt Karl einfach nur in Erinnerung zu behalten, entstand schon bald die Idee, etwas von dem fortzuführen, was ihn besonders ausgezeichnet hatte, seine Beharrlichkeit, seine regelmäßige Teilnahme und sein unerschütterlicher Trainingseifer.
Die Karl-Siegl-Rangliste
Noch im selben Jahr, 1997, führte der TTV59 erstmals die Karl-Siegl-Rangliste durch. Und der Name ist Programm. Denn die Rangliste ist bewusst ein wenig anders als eine gewöhnliche Rangliste. Hier reicht es nicht, einfach nur gut Tischtennis zu spielen. Deshalb nehmen die Regeln ganz bewusst Anleihen bei Karls legendärem Trainingseifer:
Häufige und regelmäßige Teilnahme lohnt sich.
Sportliche Leistung ist wichtig – aber allein genügt sie nicht. Wer am Jahresende ganz oben stehen und sich als Sieger der Karl-Siegl-Rangliste feiern lassen möchte, muss über das Jahr hinweg zeigen, dass er nicht nur den Schläger, sondern auch den Weg in die Halle regelmäßig findet. Oder anders gesagt: Karl wäre vermutlich nicht beeindruckt gewesen, wenn jemand einmal brillant gespielt und danach drei Wochen gefehlt hätte. Und genau deshalb gibt es die Karl-Siegl-Rangliste bis heute.
Eine Rangliste mit Tradition
Was 1997 als Erinnerung an ein außergewöhnlich engagiertes Vereinsmitglied begann, ist inzwischen selbst zu einem Stück TTV59-Tradition geworden. Jahr für Jahr wird um Punkte, Platzierungen und natürlich um die begehrte Ehre gekämpft, am Jahresende den Namen „Sieger des Karl Siegl – Ranglistenpokals“ über der eigenen Platzierung lesen zu dürfen. Dabei steckt hinter dem sportlichen Wettbewerb eine einfache Botschaft: Dabei sein. Dranbleiben. Trainieren. Spielen. Eigentlich ziemlich genau das, wofür Karl Siegl über Jahrzehnte stand.
1925 – 1950 – 1997 – heute
Vom in Prag geborenen Jungen des Jahres 1925 über den ersten Eintrag im Spielerpass am 1. September 1950 bis zur ersten Karl-Siegl-Rangliste im Jahr 1997: Karl Siegl ist längst Geschichte – seine Idee vom engagierten Vereinsleben aber nicht. Und vielleicht ist das die schönste Art, in einem Verein weiterzuleben: Nicht nur erinnert zu werden, sondern dafür zu sorgen, dass auch Jahrzehnte später noch andere regelmäßig in die Tischtennishalle kommen. Karl hätte das vermutlich gefallen. Und falls nicht, hätte er wahrscheinlich einfach noch eine Trainingseinheit drangehängt.